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14.05.2017

Das geteilte Dorf

Der Frankfurter Stadtteil Niederursel hat als Wahrzeichen zwei Rathäuser zu bieten. Beide sind in etwa gleich alt.

An sich sind zwei Rathäuser an einem Ort ja nichts Ungewöhnliche. So manche Stadt hat ein altes und ein neueres Rathaus. Auch Niederursel hat zwei Rathäuser. Aber dort ist das durchaus ungewöhnlich. Denn sie sind nahezu gleichalt und stehen nur wenige Schritte voneinander entfernt.

Das Dorf ist in zwei Hälften geteilt gewesen – und das mehrere Hundert Jahre lang. Zum Bruch kam es 1437. Der damalige Vogt Henne von Ursel hatte finanzielle Schwierigkeiten. Also machte er den Ort zu Geld. Er verkaufte seine Rechte an Niederursel sowohl an die Stadt Frankfurt als auch in den Taunus, an den Ritter Franck von Cronberg. Der wiederum gab seinen Teil später an die Grafen von Solms-Rödelheim weiter. Fortan herrschten also die Frankfurter und die Solmser gemeinsam über Niederursel.

Das an sich wäre noch kein Grund dafür, zwei Rathäuser aufzustellen – hätte die gemeinsame Herrschaft im Laufe der Zeit nicht ständig für Ärger gesorgt. Das Reichskammergericht musste so häufig über Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Herrschern entscheiden, dass es das Dorf 1714 ganz offiziell teilte.

Um ihrem Herrschaftsanspruch auf ihrer Seite Nachdruck zu verleihen, bauten die Frankfurter ein Rathaus auf. Die Solmser taten es ihnen keine zwei Jahre später auf der eigenen Seite gleich. Doch dabei blieb es nicht.

Infolge verschiedener Kriege und wechselnder Herrscher änderten sich auch munter die Besitzverhältnisse. Gehörte der einstige Frankfurter Teil bald dem französischen Protektorat im Rheinbund unter der Schutzmacht Napoleons an, wurde die Solms’sche Dorfhälfte österreichisch, bevor sie der Großherzog von Hessen wieder zurückerhielt.

Nach dem Deutschen Krieg 1866 wurden beide Dorfteile preußisch und dem Landkreis Frankfurt angegliedert. Die Wiedervereinigung rückte näher. Die Dorfhälften wurden jedoch weiterhin getrennt verwaltet, bis am 1. April 1898 die Trennung schließlich endgültig überwunden werden konnte – und beide Teile des Dorfes zu einem Gemeindebezirk Niederursel vereinigt. Seit der Ort 1910 nach Frankfurt eingegliedert wurde, ist ein Rathaus ohnehin nicht mehr vonnöten.



Artikel der Frankfurter Neue Presse vom 14.05.2017. Von Klaas Mucke

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