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10.05.2021

Am Ende fällt der Brückendamm

Sägen kreischen, Wasser spritzt und unter der abgesperrten Brücke liegt Matsch auf einer breiten Plane. 40 Männer mit Bauhelmen und Stahlkappenschuhen tummeln sich seit Samstagnacht in Schichten auf dem Heddernheimer Steg. Stück für Stück wird der Betonboden der Fußgänger- und Radfahrerbrücke auf 45 Meter Länge in 23 Stücke geteilt. Jedes von ihnen wiegt zwischen 7 und 26 Tonnen.

„Als die Brücke vor 53 Jahren gebaut wurde, hat man das materialsparend gemacht“, so Thomas Singer (47) vom Amt für Straßenbau und Erschließung (ASE). „1985 wurde sie kernsaniert, aber die Schäden sind so groß, dass sich eine weitere Sanierung nicht rechnet“, erklärt der Projektleiter.

Ein gigantisches Betonteil schwebt hoch in die Luft, dicht vorbei an Lichtmasten vorbei. Der Kranführer ist hoch konzentriert und auch den Männern auf der Brücke merkt man die Anspannung an. An der Unterseite des Blocks sind Stücke herausgebrochen und dunkler Rost ist zu sehen. „Das sind Momente, an denen alle die Luft anhalten. Wenn sich nur ein Stückchen verhakt und löst, kann die gesamte Konstruktion ins Schwanken geraten“, so Singer leise. Wie von Geisterhand schwebt das Teil weiter und landet, sanft wie eine Feder, zentimetergenau auf einem Tieflader. Je ein Kran pro Brückenseite lässt Brückenteile hoch und hinunter steigen, die vorher von den Arbeitern so vorbereitet wurden, dass sie mit Scherenketten abtransportiert werden können. Es wird gesägt, gebohrt und angekettet. Es ist heiß. Funken der Seilsäge und Wasser spritzen abwechselnd hoch.

Es dauert, bis einer der Bauarbeiter den Daumen für einen der Kranführer hebt. Arnd Brüßler ist der Diplom-Ingenieur und technischer Leiter der Baufirma Laudemann aus Sontra. Immer wieder geht er auf die Brücke, checkt die Arbeit und bespricht sich mit seinem Polier Norman Hossbach, der den Rückbau organisiert. „Schon die Vorbereitungen waren sehr intensiv“, sagt er, und deutet auf komplizierte Traggerüste an jedem Balken und an der Hauswand des Nordwestzentrums. „Sie mussten genau angepasst werden. Für die Brücke, den Aufgang und die Statik für das NWZ. Das Gerüst reicht auch ins Parkhaus, damit ja nichts passieren kann“, so Brüßler.

Zum dritten Mal reißt seine Firma eine Brücke ab, zum dritten Mal ist Singer bei einem Brückenabriss federführend. Lange vor Corona begann die Planung für den Rückbau. Dreimal wurde das Projekt ausgeschrieben. „Mitten in der Stadt, an einer vielbefahrenen Straße müssen unendlich viele Punkte berücksichtigt werden“, erklärt Singer den komplexen Prozess. „Das geht bei Rettungswegen am NWZ los, über die Verkehrsführung am stark befahrenen Erich-Ollenhauer-Ring bis zu der Notwendigkeit, dass das Nordwestzentrum keine Umsatzeinbußen hat.“ Ein Rückbau einer Brücke an einer Autobahn sei deutlich unkomplizierter, weil es dort nur den Ort und eine Straße gäbe, die eine Zeitlang gesperrt werden müsse. „In der Stadt geht auch um Lärmschutz, schnellen Abtransport und viele andere Dinge, die berücksichtigt werden müssen.“

Brüßler nickt. „Wir hätten die Betonteile gerne hier vor Ort mit der Betonschere abgeknabbert und zerlegt. Das geht aber nicht wegen des Lärms.“ Jetzt sinken die dicken Betonteile millimetergenau auf Tieflader und werden mit Ketten befestigt. „Am Wochenende haben wir keine Abnehmer gefunden, also bringen wir sie zu uns nach Nordhessen“, so Brüßler. Am Montag früh ist die Straße wieder frei. „Das ist eine 31-Stunden-Hau-Ruck-Aktion, damit es möglichst wenige Störungen gibt“, sagt Singer. Bis Oktober werden ein neuer Überbau, Stützen und Treppenanlage gebaut. „Die neue Brücke aus Stahl wird ebenfalls in dunkel anthrazit und gelb gehalten und ähnlich aussehen wie die Betonbrücke. Die neue wird 3,5 Meter breit sein, barrierefrei und in ein bis zwei Stücken aufgesetzt. Sie wird auf jeden Fall 80 bis 100 Jahre halten“, erzählt er. Auch die neue Brücke gehört zum 2,3 Millionen Euro-Gesamtkonzept. Der Aufzug bleibt bestehen. Bis zur Fertigstellung gibt es eine nahe gelegene provisorische Fußgängerampel. „Der Umweg zum NWZ bis dahin ist keine 100 Meter weit.“



QUELLE: Frankfurter Neue Presse vom 10.05.2021. Von Sabine Schramek

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